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Pierre Cot
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Pierre Jules Cot (* 20. November 1895 in Grenoble; â 21. August 1977 in Coise-Saint-Jean-Pied-Gauthier, DĂ©partement Savoie) war ein französischer sozialistischer Politiker der Dritten, Vierten und FĂŒnften Republik. Von 1933 bis 1938 war er Minister in mehreren Kabinetten, darunter zweimal Luftfahrtminister. Wegen seines entschiedenen Antifaschismus in den 1930er Jahren, seiner politischen NĂ€he zur Sowjetunion und seiner exponierten Stellung beim Aufbau der im Krieg 1940 erfolglosen französischen LuftstreitkrĂ€fte war er das Ziel erbitterter Anfeindungen.
Contents
âą Leben
âą FrĂŒhe Jahre
âą FĂŒnfte Republik
âą Werke (Auszug)
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Leben
FrĂŒhe Jahre
Pierre Cot wurde in 1895 in eine Savoyer Familie geboren, deren Mitglieder bereits seit drei Generationen verschiedene gewĂ€hlte Mandate wahrgenommen hatten;cite-ref-universalis-1-0[1] sein GroĂvater und sein Vater waren als gemĂ€Ăigte Republikaner beide BĂŒrgermeister ihres Heimatorts Coise-Saint-Jean-Pied-Gauthier gewesen.cite-ref-maitron-2-0[2] Pierre Cot wurde katholisch erzogen; in Grenoble, wo sein Vater Handelsvertreter gewesen war, besuchte er die kirchliche Schule Notre-Dame. Ebenfalls in Grenoble begann er anschlieĂend ein Jurastudium. Cot interessierte sich seit seiner frĂŒhesten Jugend fĂŒr Politik.cite-ref-assemblee-3-0[3] Er war als Mitglied der konservativen katholischen Jugendvereinigung Association catholique de la jeunesse française aktiv, wurde 1913 stellvertretender Vorsitzender der katholischen Studentenvereinigung ConfĂ©rence Saint-Hugues und grĂŒndete mehrere katholische Arbeitskreise. Bereits zu dieser Zeit interessierte er sich auch stark fĂŒr soziale Fragen.cite-ref-maitron-2-1[2]
Im Ersten Weltkrieg meldete er sich als Freiwilliger und nahm an den Schlachten von Verdun und dem Chemin des Dames teil. Er wurde mit dem Croix de guerre ausgezeichnet und fĂŒr seine militĂ€rischen Verdienste zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. Nach dem Krieg schloss er sein Studium der Rechts- und Politikwissenschaften in Paris mit einem Doktorgrad ab. 1921 wurde er Rechtsanwalt und Erster SekretĂ€r der Anwaltskonferenz am Berufungsgericht Paris. 1922 erwarb er die AgrĂ©gation und wurde UniversitĂ€tsprofessor an der rechtswissenschaftlichen FakultĂ€t in Rennes. Raymond PoincarĂ© ernannte ihn zum Rechtsberater im AuĂenministerium; Cot war der JĂŒngste in dieser Stellung. PoincarĂ© bewog ihn 1924 auch dazu, auf einer Liste der gemĂ€Ăigten Rechten zum ersten Mal fĂŒr einen Sitz im Parlament zu kandidieren. Die Kandidatur war nicht erfolgreich.cite-ref-universalis-1-1[1]cite-ref-maitron-2-2[2]cite-ref-assemblee-3-1[3]
Politische Ămter in der Dritten Republik
Nach der gescheiterten Parlamentskandidatur 1924 wendete sich Pierre Cot allmĂ€hlich der politischen Linken zu. 1926 schloss er sich dem Parti rĂ©publicain, radical et radical-socialiste, den Radikalsozialisten, an. FĂŒr diese trat er bei den Parlamentswahlen im April 1928 im Wahlkreis ChambĂ©ry 2 an. Er setzte sich im zweiten Wahlgang durch und zog in die Abgeordnetenkammer ein, der er bis zum Krieg ununterbrochen fĂŒr das DĂ©partement Savoie angehören sollte. Der 33-jĂ€hrige Cot hatte bis dahin noch kein gewĂ€hltes Mandat innegehabt, auch nicht auf lokaler Ebene.cite-ref-maitron-2-3[2]cite-ref-assemblee-3-2[3]
Als AnhĂ€nger des Völkerbunds hielt er sich oft an dessen Sitz in Genf auf und wurde mit der UnterstĂŒtzung von Aristide Briand und Joseph Paul-Boncour Vertreter Frankreichs in der Organisation.cite-ref-maitron-2-4[2]
Nachdem er bei den Parlamentswahlen im Mai 1932 erfolgreich sein Mandat verteidigt hatte, wurde er am 18. Dezember 1932 StaatssekretĂ€r (Sous-SecrĂ©taire dâĂtat) im AuĂenministerium im Kabinett von Joseph Paul-Boncour. Nach dessen RĂŒcktritt am 28. Januar 1933 fĂŒhrte er die GeschĂ€fte weiter, bis er am 31. Januar 1933 im Kabinett Daladier I Luftfahrtminister wurde.cite-ref-assemblee-3-3[3] Das Amt, das er von Paul PainlevĂ© ĂŒbernommen hatte, behielt er in vier rasch wechselnden, aufeinanderfolgenden Kabinetten; auĂer der ersten Regierung Daladier waren dies die Kabinette von Albert Sarraut (I), Camille Chautemps (II) und das zweite Kabinett Daladier. Als Ădouard Daladier nach wenigen Tagen wegen der Unruhen vom 6. Februar 1934 zurĂŒcktrat, verlor Cot sein Ministerium â sein Nachfolger wurde Victor Denain â und kehrte als Abgeordneter in die Abgeordnetenkammer zurĂŒck. 1936 wurde er im ersten Wahlgang wiedergewĂ€hlt.cite-ref-assemblee-3-4[3]
Seit Mitte der dreiĂiger Jahre wurde Pierre Cot prominentes Mitglied in mehreren Organisationen, hinter denen die Kommunistische Internationale (Komintern) stand, so im âVerteidigungskomitee des Ă€thiopischen Volksâ (ComitĂ© de dĂ©fense du peuple Ă©thiopien, gegrĂŒndet im September 1935) sowie, ein Jahr spĂ€ter, im Rassemblement universel pour la paix (âWeltvereinigung fĂŒr den Friedenâ), dem er als Vorsitzender diente. Seit 1935 war er Mitglied des âVereins der Freunde der UdSSRâ.cite-ref-maitron-2-5[2] Im FrĂŒhjahr desselben Jahres ĂŒberlebte er einen SĂ€ureanschlag durch Mitglieder der rechtsradikalen Action française.cite-ref-4[4]
Am 4. Juni 1936 berief ihn LĂ©on Blum in seinem ersten Kabinett erneut zum Luftfahrtminister. Sein Kabinettschef war der spĂ€tere Leiter der RĂ©sistance, Jean Moulin. Cot und Moulin hatten sich bereits 1928 wĂ€hrend Cots Parlamentswahlkampf in Savoyen kennengelernt, wo Moulin UnterprĂ€fekt von Albertville war. Nachdem Blum Ende Juni 1937 zurĂŒckgetreten war, blieb Cot in der anschlieĂenden Regierung Chautemps III Luftfahrtminister bis zu Chautempsâ RĂŒcktritt am 14. Januar 1938. AnschlieĂend wurde Cot Handelsminister, zunĂ€chst im Kabinett Chautemps IV (18. Januar bis 10. MĂ€rz 1938), dann im Kabinett Blum II (bis 8. April 1938).cite-ref-assemblee-3-5[3]
Zweiter Weltkrieg, Nachkriegszeit und Vierte Republik
Seit Juni 1940 befand sich Pierre Cot zunĂ€chst in London. Daher konnte er nicht an der Sitzung der Nationalversammlung teilnehmen, die am 10. Juli 1940 die erweiterten Vollmachten fĂŒr Marschall PĂ©tain beschloss und damit die 3. Republik beendete. Das Vichy-Regime erkannte ihm seine politischen Mandate ab, entzog ihm die französische StaatsbĂŒrgerschaft und zog sein Vermögen ein. Der von Philippe PĂ©tain geschaffene âRat fĂŒr politische Justizâ (Conseil de justice politique) urteilte, dass der ehemalige Luftfahrtminister Cot âdie Pflichten seiner Amtsaufgaben verratenâ habe. Noch in demselben Jahr lieĂ er sich in den Vereinigten Staaten, dem Ursprungsland seiner Ehefrau, nieder.cite-ref-assemblee-3-6[3] Dort lehrte er an der Yale University und der New School for Social Researchcite-ref-maitron-2-6[2] und war Mitglied der gaullistischen Organisation France Forever.cite-ref-assemblee-3-7[3]
Im November 1943 verlieĂ er die USA, um in Algier Mitglied der vom Komitee fĂŒr die Nationale Befreiung einberufenen AssemblĂ©e consultative provisoire zu werden. Dieser sowie der in Paris einberufenen Folgeversammlung gehörte er von 1943 bis 1945 an. 1945 und 1946 war er Abgeordneter fĂŒr das DĂ©partement Savoie in den beiden verfassunggebenden Nationalversammlungen. AnschlieĂend war er in der Vierten Republik Abgeordneter der Nationalversammlung, zunĂ€chst von 1946 bis 1951 wiederum fĂŒr das DĂ©partement Savoien.cite-ref-maitron-2-7[2]cite-ref-assemblee-3-8[3]
Nachdem er sich mit den Radikalsozialisten ĂŒberworfen hatte, grĂŒndete er im Dezember 1950 mit Emmanuel dâAstier de la Vigerie eine der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF) nahestehende Partei, die Union progressiste. Mit der Hilfe der Kommunisten wurde er erneut in die Nationalversammlung gewĂ€hlt und vertrat dort von 1951 bis 1958 das DĂ©partement RhĂŽne.cite-ref-assemblee-3-9[3]
1953 erhielt Pierre Cot den Stalin-Friedenspreis.
FĂŒnfte Republik
Als entschiedenem Gegner de Gaulles gelang es Pierre Cot nach de Gaulles RegierungsĂŒbernahme und der VerfassungsĂ€nderung 1958 neun Jahre lang nicht, auf nationaler Ebene ein politisches Mandat zu erringen. Er scheiterte sowohl bei den Parlamentswahlen im November 1958, zu denen er im Savoyer Wahlbezirk ChambĂ©ry-SĂŒd/Saint-Jean-de-Maurienne antrat, als auch vier Jahre spĂ€ter als Kandidat der Union progressiste im Wahlbezirk La SalpĂ©triĂšre/La Gare des DĂ©partements Seine.cite-ref-assemblee-3-10[3]
WĂ€hrend dieser Zwangspause als Abgeordneter der Nationalversammlung blieb er BĂŒrgermeister von Coise-Saint-Jean-Pied-Gauthier (im Amt von 1929 bis 1971) und Abgeordneter im Generalrat des DĂ©partements Savoien fĂŒr den Kanton Chamoux-sur-Gelon (1954â1973). Ebenso lehrte er an der 6. Sektion der Ăcole pratique des hautes Ă©tudes, der VorlĂ€ufereinrichtung der Ăcole des Hautes Ătudes en Sciences Sociales, wo er einen 1960 geschaffenen Lehrstuhl fĂŒr Soziologie des Rechts und der internationalen Beziehungen innehatte, der zur Wiege einer maoistischen Gruppe an der Hochschule wurde. Er war weiterhin aktiv in verschiedenen, groĂenteils moskaunahen, Organisationen wie der âInternationalen Vereinigung demokratischer Juristenâ (Association internationale des juristes dĂ©mocrates), deren Vorsitzender er von 1960 bis 1975 war, dem Zentralkomitee der Liga fĂŒr Menschenrechte (Ligue des droits de lâHomme) und im Mouvement de la Paix. Er war Direktor der vom Weltfriedensrat (Conseil mondial de la paix) monatlich herausgegebenen Zeitschrift Horizons und Mitglied der Redaktion der Cahiers du progressisme.cite-ref-assemblee-3-11[3] Die Sowjetunion bezeichnete ihn als âgroĂen Freund der UdSSRâ. 1961 und 1963 verbrachte er Kuraufenthalte in einem Sanatorium der KPdSU. Ebenfalls 1961 sowie 1962 reiste er auf Einladung des âsowjetischen Friedensverteidigungskomiteesâ nach Moskau. Im August 1970 wurde ihm als Vorsitzender der âInternationalen Vereinigung demokratischer Juristenâ eine JubilĂ€umsmedaille zum 100. Geburtstag Lenins verliehen.cite-ref-maitron-2-8[2]
Im MĂ€rz 1967 errang er erneut einen Sitz in der Nationalversammlung, und zwar in demselben Wahlbezirk im DĂ©partement Seine, in dem er in der vorangehenden Legislaturperiode gescheitert war, und mit derselben politischen Zugehörigkeit und abermaliger UnterstĂŒtzung durch die KP. Seinen Wahlkampf hatte er ins Zeichen des Kampfes gegen die persönliche Macht de Gaulles sowie fĂŒr AbrĂŒstung gestellt. In der Nationalversammlung war er der kommunistischen Fraktion angeschlossen. Bei der Auflösung des Parlaments durch de Gaulle am 30. Mai 1968 verlor Cot endgĂŒltig seinen Sitz im Parlament; bei den Wahlen im Juni 1968 gelang es ihm nicht, seinen Wahlbezirk zu verteidigen.cite-ref-assemblee-3-12[3]
Politische Positionen, Leistungen, Rezeption
Cot, der in seiner Schul- und Studienzeit in rechtskonservativen katholischen Kreisen aktiv gewesen war und zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn der gemĂ€Ăigten Rechten angehört hatte, nahm seit den 1920er Jahren fortschreitend immer weiter linksstehende Positionen an und beendete seine politische Laufbahn als Angehöriger der extremen Linken mit starken Bindungen an den Kommunismus und die Sowjetunion.cite-ref-maitron-2-9[2]
Seit 1923 war er dem Pazifismus zugewandt, insbesondere im Umfeld des Völkerbunds, in dem und fĂŒr den er aktiv war. Der Zerbrechlichkeit des Friedens in der Zwischenkriegszeit und der schwachen Lage des Völkerbunds war er sich trotz seines Glaubens an die Institution bewusst, ebenso erkannte er bereits Mitte der 1920er Jahre die Gefahr, die der Faschismus fĂŒr den Frieden in Europa darstellte. Ab 1930 warnte er die französische Ăffentlichkeit vor den Gefahren, die die wirtschaftliche Lage in Deutschland und insbesondere die Massenarbeitslosigkeit dort darstellte.cite-ref-maitron-2-10[2]
In den 13 Monaten der ersten Amtszeit Pierre Cots als Luftfahrtminister 1933â1934 zeichnete er verantwortlich fĂŒr die Bildung der französischen LuftstreitkrĂ€fte als eigenstĂ€ndige Teilstreitkraft (ArmĂ©e de lâair) sowie der aus der Fusion mehrerer kleinerer Gesellschaften hervorgegangenen nationalen Fluggesellschaft Air France.cite-ref-universalis-1-2[1] Cot machte seinen Pilotenschein und zeigte sich von der ĂŒberragenden Bedeutung der Luftwaffe in kĂŒnftigen Kriegen ĂŒberzeugt. Dabei traf er auf deutlichen Widerstand aus dem Kriegs- und dem Marineministerium. Nach einer Reise nach Moskau, von der er von der Sowjetunion beeindruckt zurĂŒckkehrte, lancierte er eine französisch-sowjetische Zusammenarbeit im Luftfahrtbereich.cite-ref-maitron-2-11[2]
In seiner zweiten Phase als Luftfahrtminister 1936 bis 1938 trieb Pierre Cot die Verstaatlichung der Luftfahrtindustrie voran. AuĂerdem lieĂ er, mit Wissen von Regierungschef LĂ©on Blum und unter Mithilfe aus dem von Vincent Auriol geleiteten Finanzministerium, Flugzeuge als MilitĂ€rhilfe an die republikanischen KrĂ€fte im spanischen BĂŒrgerkrieg schicken,cite-ref-maitron-2-12[2] was eine Verletzung der offiziellen Stillhaltepolitik Frankreichs darstellte.cite-ref-universalis-1-3[1] Dies und die fortgesetzte Zusammenarbeit mit der Sowjetunion im Luftfahrtsektor brachte ihm heftige Kritik nicht nur von Seiten der Rechten, sondern auch von Teilen seines eigenen Lagers, der Radikalsozialisten, ein, von denen immer mehr sich dem Zusammenschluss der Linken entfremdeten.cite-ref-maitron-2-13[2]
Unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg und wĂ€hrend des Vichy-Regimes wurde Cot verantwortlich gemacht fĂŒr die strukturellen Probleme der französischen LuftstreitkrĂ€fte und als einer der Schuldigen fĂŒr die Niederlage 1940 bezeichnet. Allerdings hatte sich die Flugzeugproduktion wĂ€hrend der vom Front populaire mitzuverantwortenden sozialen Konflikte 1936 trotz Streiks im privaten Sektor nicht verringert, und im Januar 1938 hinkte die Produktion dem Plan des Generalstabs der Armee nur um 10 % hinterher, wofĂŒr Cot hauptsĂ€chlich die nicht verstaatlichten Motorenhersteller verantwortlich machte. Er gab auch zu bedenken, dass Frankreich nur 22 % seines Verteidigungshaushalts fĂŒr die LuftstreitkrĂ€fte ausgab gegenĂŒber 34 % in GroĂbritannien und dass die Wirtschaftskraft Frankreichs 1936 nur ein Drittel derjenigen Deutschlands betragen habe. Vor allem aber schrieb er die Niederlage 1940 dem Wegfall der Tschechoslowakei als VerbĂŒndetem und der zeitweisen Aufgabe der Allianz mit der Sowjetunion, beides Konsequenzen aus dem von ihm scharf abgelehnten MĂŒnchner Abkommen, zu.cite-ref-universalis-1-4[1]
Die Unruhen vom 6. Februar 1934, fĂŒr deren blutigen Verlauf Pierre Cot von der Opposition wegen seiner Entschlossenheit zur Verteidigung der Ordnung mitverantwortlich gemacht und mit Hasstiraden ĂŒberzogen wurde, obwohl er als Luftfahrtminister keinen direkten Einfluss auf den Polizeieinsatz gehabt hatte,cite-ref-universalis-1-5[1]cite-ref-pean2014-5-0[5] brachten ihn zu der Ăberzeugung, dass die Republik in Gefahr sei. Zusammen mit der Ă€uĂeren Bedrohung des Friedens durch das faschistische Italien und das nationalsozialistische Deutschland bewegte ihn dies dazu, stĂ€rker noch als vorher den Zusammenschluss der Linken anzustreben. Bereits zu Beginn der 1930er Jahre war er in den Dialog mit der SFIO getreten. Nun intensivierte er seine Beziehungen zur Sowjetunion und der Komintern. Ebenso war er einer der entschiedensten BefĂŒrworter des Front populaire, eines Zusammenschlusses der Linksparteien, der ab 1936 die Regierung stellte.cite-ref-maitron-2-14[2]
Das MĂŒnchner Abkommen erkannte Cot als moralisch verwerfliche Kapitulation vor dem nationalsozialistischen Deutschland; es stellte den Höhepunkt seines Konflikts mit Parteichef Ădouard Daladier dar. Ebenso war Cot ab Kriegsbeginn klar, dass der Hitler-Stalin-Pakt, den er trotz seiner AffinitĂ€t zur Sowjetunion stets abgelehnt hatte,cite-ref-piketty-6-0[6] nicht lange halten wĂŒrde. Ab September 1940 teilte er der Komintern mit, dass er GroĂbritannien im Krieg gegen Deutschland unterstĂŒtze und bereit sei, jegliche nĂŒtzliche Aufgabe zu ĂŒbernehmen. Ab 1941 hatte er regen Kontakt zur sowjetischen Botschaft in Washington.cite-ref-maitron-2-15[2] Als UniversitĂ€tsprofessor und Mitglied der gaullistischen Organisation France Forever warb er fĂŒr den Kriegseintritt der USA gegen NS-Deutschland.cite-ref-assemblee-3-13[3] Nachdem dieser erfolgt war, drang Cot öffentlich auf die Eröffnung einer zweiten Front gegen Deutschland.cite-ref-maitron-2-16[2]
In seinem im Exil verfassten Werk Le procĂšs de la RĂ©publique verteidigte er die Dritte Republik, verurteilte scharf das Vichy-Regime und analysierte die Niederlage Frankreichs 1940. FĂŒr diese machte er primĂ€r die französische Bourgeoisie verantwortlich, die ihm zufolge die Wahl zwischen Faschismus und Demokratie gehabt habe.cite-ref-maitron-2-17[2]
Cots immer gröĂer werdende NĂ€he zum Kommunismus fĂŒhrte nach dem Zweiten Weltkrieg zum endgĂŒltigen Bruch mit den Radikalsozialisten. Die Partei schloss ihn aus, nachdem er 1946 den von SFIO und Kommunisten verfassten ersten Entwurf zur Verfassung der Vierten Republik mitgetragen und in die parlamentarische Debatte eingebracht hatte. Die von ihm daraufhin neu gegrĂŒndete Union progressiste galt trotz Cots Bestrebungen, sie als unabhĂ€ngiges Bindeglied zwischen der KPF und den restlichen Parteien des linken Spektrums zu etablieren, als Satellit der Kommunisten.cite-ref-maitron-2-18[2]
Auch in der FĂŒnften Republik erhoffte Pierre Cot sich die Union der Linken als Basis fĂŒr eine neue Volksfront. 1965 unterstĂŒtzte er âaus Pflicht und Ăberzeugungâ die PrĂ€sidentschaftskandidatur von François Mitterrand, unter anderem in einem Artikel in der Tageszeitung Le Monde.cite-ref-assemblee-3-14[3] Er blieb jedoch dem von seinen Erfahrungen aus den 1930er Jahren geprĂ€gten Denken verhaftet, war aus Furcht vor einem zu groĂen Einfluss Deutschlands und einem Wiedererstarken des Faschismus Gegner der europĂ€ischen Einigung und trat im Sinn der Sowjetunion fĂŒr Blockfreiheit Frankreichs und Entkolonisierung ein.cite-ref-piketty-6-1[6] Die Kommunisten bezeichnete er als seine âFreunde des Herzens und aus Vernunftâ (« amis par le coeur et par la raison »).cite-ref-universalis-1-6[1] Seine Bewunderung fĂŒr den Sowjetkommunismus lieĂ erst mit der Niederschlagung des Prager FrĂŒhlings 1968 und mit dem Einschwenken der KPF unter Georges Marchais auf die französische Politik der nuklearen Abschreckung 1972 im gemeinsamen Regierungsprogramm mit der Sozialistischen Partei nach.cite-ref-maitron-2-19[2]
Pierre Cots VerhĂ€ltnis zu Charles de Gaulle war von Anfang an schwierig. De Gaulle hatte es bereits im Juni 1940 in London wegen Cots Umstrittenheit abgelehnt, ihn in seiner Organisation mit Verantwortung zu betrauen.cite-ref-universalis-1-7[1]cite-ref-maitron-2-20[2] Cot reiste daraufhin in die USA weiter, wo die Familie seiner Ehefrau lebte. Sein jahrelanger enger WeggefĂ€hrte Jean Moulin versagte ihm im Herbst 1941 die Gefolgschaft, indem er entgegen Cots Wunsch nicht in die Vereinigten Staaten nachreiste, sondern nach London und sich de Gaulle direkt unterstellte.cite-ref-lexpress1998-7-0[7] Zwar war Cot im amerikanischen Exil dann in einer gaullistischen Organisation tĂ€tigcite-ref-assemblee-3-15[3] und bekannte sich Ende 1942 klar zu de Gaulle und gegen François Darlan,cite-ref-piketty-6-2[6] jedoch begrĂŒndete er im Oktober 1943 seinen Visumantrag an die US-Behörden zur Reise nach Algier in aller Offenheit damit, dass er bei de Gaulle diktatorische Absichten vermute. Am Ende der Vierten Republik positionierte Cot sich endgĂŒltig als entschiedener Gegner de Gaulles. Bei dessen RegierungsĂŒbernahme 1958 verweigerte Cot dem General am 1. Juni 1958 das Vertrauen und erklĂ€rte vor dem Parlament: âUnd wenn man General de Gaulle die Frage stellen wird: âWer hat Dich zum König gemacht?â, dann wird er ehrlicherweise nur antworten können: âEs waren Gewalt und Aufruhr, und nicht das französische Parlament.ââ Einen Tag spĂ€ter stimmte er auch gegen die VerfassungsĂ€nderung zur EinfĂŒhrung der FĂŒnften Republik mit umfassenden Rechten fĂŒr den StaatsprĂ€sidenten.cite-ref-maitron-2-21[2]
MutmaĂungen zu Spionage fĂŒr die Sowjetunion
1987 erschien in den USA das Buch eines britischen Nachrichtenoffiziers, in dem Pierre Cot als Agent des KGB bezeichnet wurde. Die VorwĂŒrfe wurden 1990 von dem Historiker Christopher Andrew und 1993 von dem französischen Journalisten Thierry Wolton aufgegriffen. In der Folge gab es in Frankreich 1993 bis 1995 unter Historikern eine Debatte ĂŒber den Wahrheitsgehalt der VorwĂŒrfe. Wolton hatte angegeben, 1992 in Moskauer Archiven Dokumente gefunden zu haben, die eine AgententĂ€tigkeit Cots fĂŒr die Sowjetunion vor und nach dem Zweiten Weltkrieg belegten, unterbrochen lediglich zwischen August 1939 (Hitler-Stalin-Pakt) und Juli 1942.
Entsprechend einer Forderung von Cots Familie wurde eine Historikerkommission zur KlĂ€rung der VorwĂŒrfe eingerichtet, die von Serge Berstein geleitet wurde. Sie kam im Januar 1995 zu dem Schluss, dass keine ihr zugĂ€ngliche Quelle die VorwĂŒrfe belege. Thierry Wolton konterte mit Hinweis auf Protokolle eines Debriefings des NKWD-ĂberlĂ€ufers Walter Kriwitzki sowie auf von britischen und amerikanischen Stellen entschlĂŒsselte Nachrichten sowjetischer Diplomaten in den USA nach Moskau. Diese Quellen waren zum Zeitpunkt des Berichts der Kommission nicht allgemein zugĂ€nglich und daher nicht ĂŒberprĂŒfbar. Allerdings wurden sie zum Teil im Herbst 1996 veröffentlicht und scheinen eine TĂ€tigkeit Cots fĂŒr sowjetische Nachrichtendienste nahezulegen; es bleibt aber unklar, ob diese Zusammenarbeit ĂŒber das Mitteilen politischer EinschĂ€tzungen hinausging.cite-ref-maitron-2-22[2]
Werke (Auszug)
⹠Le ProcÚs de la République. Editions de la Maison française, New York 1944 (französisch).
âą LâArmĂ©e de lâair, 1936â1938. B. Grasset, Paris 1939 (französisch).
Literatur
⹠Sabine Jansen: Pierre Cot. Un antifasciste radical (= Histoire Contemporaine. Band 36). Fayard, Paris 2002, ISBN 978-2-213-61403-8 (französisch, 682 S.).
Weblinks
Commons
: Pierre Cot
â Sammlung von Bildern
âą Literatur von und ĂŒber Pierre Cot im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
âą Angaben zu Pierre Cot in der Datenbank der BibliothĂšque nationale de France.
âą Zeitungsartikel ĂŒber Pierre Cot in den Historischen Pressearchiven der ZBW
Einzelnachweise
cite-note-universalis-11. â Charles-Louis Foulon: COT Pierre (1895â1977). In: EncyclopĂŠdia Universalis (online). Abgerufen am 10. MĂ€rz 2020 (französisch).
cite-note-maitron-22. â Sabine Jansen: COT Pierre. In: Le Maitron â Dictionnaire biographique du mouvement ouvrier (Online). Ăditions de lâAtelier, 22. MĂ€rz 2019, abgerufen am 10. MĂ€rz 2020 (französisch).
cite-note-assemblee-33. â Pierre, Jules Cot. In: Base de donnĂ©es des dĂ©putĂ©s français depuis 1789. Nationalversammlung (Frankreich), abgerufen am 10. MĂ€rz 2020 (französisch).
cite-note-44. â Chris Milington: A History of Fascism in France, Bloomsbury 2020, S. 65.
cite-note-pean2014-55. â Pierre PĂ©an: Vies et morts de Jean Moulin. Fayard, 2014, ISBN 2-213-64470-5 (eingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
cite-note-lexpress1998-77. â Pierre PĂ©an: La rupture avec Pierre Cot. In: lexpress.fr. 19. November 1998, abgerufen am 25. MĂ€rz 2020 (französisch).